01.04.2026: Kundgebung, Prozessbeobachtung, Demo

Seit April 2025 wurden am Oberlandesgericht in Jena die Klagen gegen drei Neonazis der Gruppe Knockout 51 aus Eisenach verhandelt. Ein Jahr später, am 01.04.2026 soll das Urteil gesprochen werden.

Knockout 51 ist eine neonazistische Kampfsportgruppe, die ihre Gewalt auf die Straße getragen hat, um gezielt andere Menschen einzuschüchtern. Ihre Feindbilder sind neben politisch Andersdenkenden auch BiPoC, Migrant*innen und suchterkrankte Menschen. In Eisenach wollten sie sich als bürgerwehrähnliche Ordnungsmacht aufspielen, die die Kontrolle über einen vermeintlichen „Nazi-Kiez“ hätte.

Vor Gericht stellten sie sich allerdings selbst als Opfer dar. Training für den Straßenkampf, Waffensammlungen, Nachbarschaftspatrouillen, Schießtrainings im Ausland – das sei alles nur Notwehr gegen, na klar, „linke Gewalt“ gewesen.

Diese Verteidigungsstrategie hatte im Gerichtssaal in Jena zu skurrilen Szenen geführt:

An den letzten beiden Verhandlungstagen waren die bereits verurteilten Knockout 51-Mitglieder Maximilian Adam und Leon Ringl als Zeugen geladen. Das machte sich die Verteidigung zunutze, um Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben. Knockout 51 sei eine „unpolitische“ Sportgruppe, in Eisenach fände eine linke „Kampagne“ gegen rechte Personen und Immobilien statt. Laut Leon Ringl sei Eisenach geprägt durch Bedrohungen von links. Von links! Wer die Situation in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Eisenach kennt und selbst von rechten Angriffen betroffen ist, konnte bei solchen Aussagen nur vor Wut schreien.

Der aktuell Angeklagte Kevin Noeske versuchte sich bei seiner Aussage im Juni 2025 sogar symbolisch ganz in Unschuld zu waschen: Er erschien nicht in seinem üblichen Venum- oder Fred Perry-Outfit, sondern ganz in weiß gekleidet, bis hin zu den Schuhen. Gewalt würde er ablehnen. In der gleichen Aussage sagte er, dass er mal überlegt hatte, im Krieg in der Ukraine zu kämpfen. Aus den Überwachungsmaßnahmen sind einige gewaltverherrlichende Aussagen von ihm bekannt. Aber das seien alles nur Witze gewesen. Na klar.

Schon Ende Oktober kamen Noeske und der Mitangeklagte Marvin Wolf aus der Haft frei. Das Gericht ging nicht mehr davon aus, dass sie Mitglieder in einer terroristischen Vereinigung seien. Es fehle an Anhaltspunkten dafür, dass die beiden über Notwehr hinaus zu Gewalt bereit gewesen seien. Auch im ersten Prozess wurden die Neonazis nur wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen, nicht in einer terroristischen Vereinigung verurteilt.

Das Perfide daran: In seiner Urteilsverkündung des ersten Prozesses übernahm der vorsitzende Richter damals die Erzählung der Nazis von der „Notwehr“. In einer absurden Argumentation sagte er, die Gruppe hätte sich nur zur Abschreckung ihrer Gegner bewaffnet und somit eigentlich versucht, Gewalt zu verhindern. Laut dem Richter hätten sich potentielle Opfer also einfach vor Knockout 51 schützen können, indem sie selbst keine Nazis angegriffen hätten. Im Umkehrschluss bedeutet das: Die Opfer seien halt selbst schuld. Und obwohl es damals Verurteilungen gab, wurde die Version der Faschos gestützt und von staatlicher Seite Verständnis für ihre Handlungen formuliert.

Für den anstehenden Urteilsspruch am 01.04. steht zu befürchten, dass es zu ähnlichen argumentativen Verrenkungen zugunsten der Knockout 51-Mitglieder kommen wird.

Klar ist aber: Es gab in diesen Prozessen verschiedene, gravierende Probleme, die solche fatalen Entscheidungen begünstigen.

So gibt es wie im vorangegangenen Prozess wieder keine Nebenklage. Der Raum wurde dominiert von den 3 Angeklagten und ihren insgesamt 6 Anwälten. Einige von ihnen sind bekannte Szene-Anwälte der extremen Rechten.

Die 2 Vertreter der Generalbundesanwaltschaft waren zwar durchaus laut, streng und bissig. Aber sie vertreten immer noch ganz klar eine staatliche und keine betroffenenzentrierte Perspektive auf die Geschehnisse.

Die Richter*innen wirkten hingegen irgendwas zwischen überfordert, desinteressiert und schläfrig.

Und: Es wurde viel zu viel gelacht in diesem Gerichtssaal. Als sei das alles eine kleine formelle Angelegenheit, die man halt irgendwie hinter sich bringen müsste.

Keinen Raum gab es im Laufe der Verhandlung für eine tatsächlich Aufklärung. Für die Aufklärung der Kontinuitäten und der Ideologie hinter den Taten der Angeklagten. Behandelt wurden Straftaten erst ab 2019, dem „offiziellen“ Gründungsdatum von Knockout 51. Die vorherige jahrelange Organisierung der Mitglieder spielte für die Einordnung ihrer Taten kaum eine Rolle. Sowohl Richter*innen als auch Generalbundesanwaltschaft scheinen kein Interesse für eine tatsächliche Durchdringung der Ideologie der Nazis zu haben, für den Rassismus, Antisemitismus und Sozialdarwinismus – und für die Rolle, die Gewalt in dieser Ideologie spielte. Während zig Sachverständige zu den Funktionsweisen eines 3D-Druckers geladen werden, gab es keine Sachverständigen, die mal erklärt hätten, warum Gewalt nicht nur ein optionales Add-on für die extreme Rechte ist, sondern die reale Konsequenz ihrer Menschenfeindlichkeit.

Das einzige ernstzunehmende, kritische Gegengewicht, dass es in diesem Gerichtssaal geben konnte, waren antifaschistische Prozessbeobachter*innen. Sie dienten nicht nur der Dokumentation, was den Nazis alles vorgeworfen wurde sondern auch, um offenzulegen, wie die Vertreter*innen von Staat und Justiz dabei vorgingen. Wann kritisch nachgefragt wurde und wann nicht. Wann das Agieren der Neonazis entlarvt wird und wann nicht. Und wann Verbindungen zwischen Neonazis und Polizei lieber weggeschwiegen werden.

Darüber hinaus bleibt nur der Druck der Straße. Wir müssen zeigen, dass so ein Gerichtsprozess eben keine kleine, formelle Sache ist, die man mal schnell hinter sich bringen kann und wir werden auch nicht zulassen, dass Faschos sich im Gerichtssaal unwidersprochen breit machen, ohne auf antifaschistische Gegenpräsenz zu treffen.

Lasst den Nazis keine Ruh. Lasst uns zusammen klar machen, dass es eine kritische und antifaschistische Öffentlichkeit gibt. Zeigen wir – erst recht hier in Thüringen, erst recht hier in Jena, der Stadt aus der das Kerntrio des NSU stammt – dass kein Gericht unbeobachtet bleibt, wenn gewalttätige Neonazis verharmlost und entpolitisiert werden!

Lasst uns den Betroffenen rechter Gewalt zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass viele an ihrer Seite stehen!

Darum kommt zur Kundgebung am 01.04. Lasst uns im Gerichtssaal mit einer kritischen Gegenöffentlichkeit präsent sein und anschließend unsere Wut über den Umgang mit rechten Netzwerken auf die Straße tragen.

01.04.2026, 14:15 Uhr, Justizzentrum Jena, Rathenaustraße 13